Die Insel der rauchigen Whiskeys

Nach der Einsamkeit von Loch Tarbert, einem tiefen Meereseinschnitt der Insel Jura, wollen wir weiter auf die Nachbarinsel Islay. Zwischen diesen beiden Inseln liegt der Sound of Islay, in dem eine starke Strömung herrscht, je nach Tide entweder nach Norden oder nach Süden. Wir wollen nach Süden, und wir wollen abends vor den vorhergesagten Starkwindböen im Hafen von Port Ellen auf Islay sein. Für den heutigen Tag, den 14. Juli, bedeutet das einen frühen Aufbruch von unserem Ankerplatz. Es ist gerade erst hell genug und noch vor fünf Uhr am Morgen, als wir den Anker aufholen und durch die enge Durchfahrt aus Inner Loch Tarbert herausfahren.

Gegen halb sechs Uhr am Morgen haben wir die Einfahrt in den Sound of Islay erreicht. Und schon schiebt uns die Strömung kräftig mit. Sie steigt auf vier Knoten an, so dass wir an den ersten Whiskey-Destillerien ziemlich flott vorbeiziehen: Bunnahabhain, Ardnahoe und Caol ila machen den Anfang, bis zum Hafen in Port Ellen passieren wir dann auch Ardbeg, Lagavulin und Laphroaig. Alles große Namen, die Whiskey-Liebhabern das Herz aufgehen lassen. Das Wetter ist trüb, aber zumindest der Nieselregen des Morgens hat aufgehört, und neben den Whiskey-Destillerien gibt es die in grau gehüllten Ufer der beiden Inseln zu sehen, außerdem Seehunde, Trottellummen und Tölpel, die sich kopfüber ins Wasser stürzen.

Im geschützten Ankerplatz der Ardmore Islands legen wir einen Ankerstopp zum Frühstücken ein, mit Blick auf die felsigen Inseln um die Ankerbucht, Seehunde und ein kleines Fischerboot, das seine Reusen abfährt. Kurz vor Mittag haben wir Port Ellen erreicht, einen kleinen Yachthafen, der ehrenamtlich geführt wird und einen besonderen persönlichen Flair hat. Hier werden wir zwei Hafentage einlegen, denn für die danach geplante Überfahrt nach Nordirland ist das Wetter ungeeignet. Den ziemlich verregneten Nachmittag nutzen wir in Port Ellen zum Wäschewaschen und kleine Besorgungen.

Islay liegt westlich von Jura, also noch weiter „außen“, so dass man dort noch größere Abgeschiedenheit erwarten könnte. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Fährverbindung vom Festland aus führt direkt nach Islay, während Jura nur von Islay aus mit der Fähre zu erreichen ist. Vor allem aber sind es die zahlreichen und renommierten Whiskey-Destillerien, die auf Islay für Besucher und Wohlstand sorgen. Whiskey hat Islay in den letzten 20 Jahren einen Boom beschert und ist Big Business. Durch die Alkoholsteuer hat Islay heute das höchste Pro-Kopf-Steueraufkommen von ganz Großbritannien. Die meisten Destillerien gehören großen Konzernen, und die haben es offenbar auch verstanden, dem Whiskey zu einer erfolgreichen Vermarktung zu verhelfen.

Am nächsten Tag wollen wir Islay erkunden und dafür die spärlichen Busverbindungen nutzen. Die gleiche Idee hat ein älteres englisches Pärchen, das wir aus dem Hafenbüro vom Vortag kennen und dem wir morgens an der Bushaltestelle begegnen. Wir nehmen den Bus nach Bowmore, lassen uns bei der Touristeninformation für die weiteren Stationen des Tages beraten, gehen das Städchen auf und ab und machen in der örtlichen Destillerie eine kleine Whiskey-Probe.

An der Haltestelle, an der der wir auf den Bus nach Portnahaven warten, treffen wir die beiden anderen Segler wieder. Wie sich herausstellt haben Sie von der sehr freundlichen und hilfsbereiten Damen in der Touristeninformation genau das gleiche Tagesprogramm geraten bekommen, und wir kommen etwas ins Gespräch miteinander. Im sonst fast leeren Bus ist außerdem eine resolute ältere Schottin, die in einem der Orte auf der Strecke wohnt. Um uns vier Besuchern einen schönen Ausflug auf die Insel zu bescheren, rät sie nach dem Besuch von Portnahaven auf dem Rückweg dazu, einen Teil der Strecke entlang dem Ufer von Loch Indaal auf einem neu angelegten Weg zu Fuß zu gehen. Sie lässt uns genau wissen, wo und wann wir ein- und aussteigen müssen, dass wir nach dem Fußweg noch Zeit für den Besuch eines Cafes haben, und gibt dann auch noch dem Busfahrer genaue Instruktionen, damit er uns auch wieder mit zurück nach Bowmore nimmt. Mit ihrem schottischen Akzent ist die Dame für uns zwar kaum zu verstehen, aber zumindest das englische Pärchen kann den detaillierten Anweisungen folgen.

Portnahaven, das eigentliche Ziel unseres Tagesausflugs, ist ein idyllisches Fischerdorf mit ein paar Seehunden als ständigen Bewohnern des Naturhafens. Wir laufen eine Runde am Ufer entlang, durch den Ort und auf einen schnellen Kaffee in den lokalen Pub … war zumindest die Idee, doch die junge Kellnerin im Pub hat die Ruhe weg, so dass wir sie schließlich ziemlich drängen, den Kaffee to go mitnehmen und gerade noch rechtzeitig am Bus sind. Ja, die Uhren ticken in Inselörtchen halt doch ein bisschen anders.

Wir folgen dem von der schottischen Dame vorgesehenen Plan, nehmen den Fußweg nach Bruichladdich und unterhalten uns mit dem älteren englischen Pärchen. In Bruichladdich legen wir noch eine Whiskeyprobe ein. Inzwischen ist auch Karin auf den Geschmack der typisch rauchigen Whiskeys von Islay gekommen, und wir beginnen zu fachsimpeln über die Rauchigkeit, das Alter, die verschiedenen Arten von Fässern zur Lagerung und die Unterschiede zwischen den Destillerien. Leicht angeschwipst gehen wir anschließend in das benachbarte Kaffee, wo wir nicht nur auf unsere englischen Reisebegleiter, sondern auch auf die schottische Dame treffen, die unseren heutigen Tag durchorganisiert hat. Sie ist beim Tratsch mit anderen Einheimischen und offenbar hocherfreut, dass ihr Plan bisher so gut funktioniert hat.

Wir kommen im Kaffee mit einer Schwedin ins Gespräch, die seit 20 Jahren auf Islay lebt. Sie hatte eigentlich vor, nur kurz zu bleiben, aber durch den Job in der Whiskey-Industrie ist sie dann auf Islay hängen geblieben. Sie bestätigt unseren Eindruck, dass Islay überall gepflegt aussieht: Die Insel hat durch den Whiskey Vollbeschäftigung und bräuchte inzwischen eigentlich mehr Wohnraum, um die dringend benötigten weiteren Arbeitskräfte unterzubringen. Die Einheimischen fürchten jedoch, dass zu viel Zuzug und Tourismus den Charakter ihrer Insel nachhaltig verändert und sind entsprechend zurückhalten beim Verkauf von Land beim Bau von Häusern. Und so bekommen wir auf unserer Erkundungstour von Islay auch noch einige interessante und für uns unerwartete Informationen über Land und Leute.

Abends gibt es im Pub des Hotels in Port Ellen Livemusik. Dort erleben wir bei einem Ale in munterer Runde eine lokale Band, die Folk mit Flöte, Gitarre und Banjo präsentiert und wirklich gut ist. Wir unterhalten uns mit einem Mann, der mit seiner Tochter zu Besuch auf der Insel sind. Wir berichten über uns, unseren Ausstieg und das Leben auf dem Boot, und er erzählt von seinem Plan, frühzeitig in Rente zu gehen und dann seiner Leidenschaft nachzugehen, die Gälische Sprache zu fördern und zu unterrichten. So unterschiedlich Menschen und Lebensläufe sind, die Motivation, seinen persönlichen Traum im Leben umzusetzen, scheint uns mit vielen zu verbinden.

Den nächsten Tag verbringen wir in Port Ellen im Wesentlichen mit dem längst überfälligen Schreiben des Reiseblogs und den Vorbereitungen auf den Rückweg durch die Irische See. Nachmittags werden wir auf Kaffee und Kuchen bei dem englischen Pärchen an Bord eingeladen. Er ist lange für die Royal Navy als Ingenieur tätig gewesen und hat die Meere dieser Welt befahren, nun genießen sie den Ruhestand und unternehmen mit ihren über 80 Jahren auf ihrem nur 30 Fuß langen Segelboot (zur Erinnerung: Die St‘ Raphaël ist mit ihren 47 Fuß in einer ganz andere Größenklasse) noch beachtliche Touren. Für die Überfahrt nach Nordirland bekommen wir den für die Routenplanung am nächsten Tag wichtigen Tipp, dass wir das Verkehrstrennungsgebiet nordöstlich von Rathin Island getrost ignorieren und einfach den direkten Weg nehmen können. Im schlimmsten Fall gebe es einen Rüffel per Funk von der Küstenwache, aber mehr sein nicht zu befürchten. Viel Schiffsverkehr sei dort sowieso nicht – „It is not the English Channel“.

Nun heisst es Abschied nehmen von Schottland. Am nächsten Morgen soll es früh los und über den North Channel der Irischen See nach Nordirland gehen.