Unseren Winterliegeplatz haben wir bis Ende März gebucht und auch vor, dann möglichst bald wieder auf die Reise zu gehen. Die erforderlichen Reparaturen sind erledigt (siehe Beitrag Winteraktivitäten) und wir sind bereit für den Aufbruch. Doch wie schon im letzten Jahr bremst das Wetter uns aus: Es ist uns einfach zu windig. Selbst einen ausreichend ruhigen Tag zum Anschlagen der frisch gewarteten Segel gibt es bis Ende März nicht. Nur für den Klüver reicht eine kurze windstille Phase am Abend, Großsegel und Genua müssen warten.
Über Ostern bekommen wir Besuch von lieben Freunden aus Düsseldorf, die trotz des wenig einladenden Wetters die Gelegenheit für ein Wiedersehen nutzen, solange wir noch in der Nähe sind. Am ersten April machen wir einen Ausflug nach Brielle. An diesem Tag wird hier alljährlich die Befreiung der Stadt von den Spaniern und damit der Anfang der Gründung der Niederlande nachgespielt und gefeiert wird. Die Innenstadt ist aufwendig dekoriert und die Veranstaltung ein großes Spektakel. Unsere Begeisterung für das Event hät sich allerdings in Grenzen, weil wir die natürlich auf Niederländisch vorgetragenen Schauspieleinlagen nicht verstehen und wir in der von Menschen vollen Stadt auch kaum etwas davon sehen können.

Auch die erste Aprilwoche verbringen wir noch im Hafen von Hellevoetsluis, warten auf ruhigeres Wetter und beschäftigen uns, zunehmend genervt, mit der nicht enden wollenden ToDo-Liste für das Boot. Wir wollen endlich aufbrechen.

Am sechsten April legen wir dann tatsächlich ab und verlassen den gastfreundlichen Hafen von Hellevoetsluis. Da wir immer noch keine Gelegenheit hatten, die Segel anzuschlagen, motoren wir die Strecke über den Haringvliet und durch die beiden großen Schleusen Volkeraksluis und Krammersluis. Es ist der bisher wärmste Tag des Jahres. Wir freuen uns, endlich unterwegs zu sein und die Segelreise zu beginnen – wenn auch nur unter Motor.

Unterwegs kommt uns der frühere Besitzer der St‘ Raphaël mit seinem Motorboot entgegen, und wir unterhalten uns kurz über Funk. Es ist schon ein seltsamer Zufall, ihn an diesem ersten Reisetag hier zu sehen: In Sint Annaland, dem heutigen Etappenziel, haben wir vor knapp eineinhalb Jahren über den dortigen Bootsmakler erstmals Kontakt zu ihm aufgenommen und den Besichtigungstermin vereinbart. Es ist wie ein Wink des Schicksals, das uns nach der vergangenen, erlebnis- und erfahrungsreichen ersten Saison an Bord nun auf die Reise verabschiedet.
Der Grund für unsere Route ist, dass wir hier, weiter im Landesinneren, auf einen windstillen Abend hoffen. Und tatsächlich lässt der Wind deutlich nach, und wir können die große Genua anschlagen. Jetzt fehlt nur noch das Großsegel, und dafür könnte sich am nächsten Abend eine Gelegenheit bieten. Zufrieden genießen wir abend in Sint Annaland den ersten Sundowner des Jahres im Cockpit.

Am nächsten Tag geht es durch das Verse Meer und den Kanaal door Walcheren nach Vlissingen. Es weht ein kräftiger, kühler Wind, aber sonst ist es ein schöner Tag. Wir sehen Seehunde am Ufer, haben kaum Wartezeiten an den Brücken und Schleusen und erreichen mit dem Blauwen Golf, so etwas wie der grünen Welle durch den Kanal, schon am späten Nachmittag den Hafen in Vlissingen.

Hier müssen wir uns allerdings erstmal an die Reparatur unseres AIS machen. In den letzten zwei Tagen ist uns aufgefallen, dass das Gerät zwar funktioniert, aber nur Signale von Schiffen in unmittelbarer Entfernung erkennt. Irgendwas ist da nicht in Ordnung. Wir machen uns auf die Suche und werden bald fündig: Zum Kranen in der Werft im März hatten wir den Geräteträger abgeklappt, auf dem auch unsere AIS-Antenne ist. Dabei wurde offenbar das Kabel aus dem Antennenstecker gerissen. Die Reparatur ist etwas kniffelig, aber schließlich schaffen wir es, das Kabel ein Stück aus dem Geräteträger zu ziehen, um das beschädigte Ende einzukürzen und an dem alten Stecker wieder mit der Antenne zu verbinden. Das Ergebnis ist beeindruckend: Das AIS funktioniert nun besser als je zuvor, wir sehen die Signale von Schiffen in 25 Seemeilen Entfernung. So können wir auch wieder sicher über die Westerschelde und durch den vielbefahrenen Englischen Kanal navigieren, ohne von Frachtschiffen übersehen zu werden.
Inzwischen ist es Abend und ziemlich windstill geworden, und so machen wir nach der Reparatur gleich wieder an die Arbeit, das Großsegel anzuschlagen. Für das großartige Abendrot über Vlissingen haben wir keine Augen, so beschäftigt sind wir. Gerade rechtzeitig, bevor es wirklich dunkel ist, haben wir es geschafft: Mit dem Groß in nun auch das das letzte Segel angeschlagen, und wir sind wirklich startklar. Am nächsten Morgen soll es früh hinausgehen auf die Nordsee.
