Am 25. April, zwei Wochen nach unserer Ankunft am Boot, machen wir uns dann endlich auf den Weg. Den Plan, uns nach Schottland aufzumachen, haben wir erstmal aufgegeben. Statt dessen wollen wir zunächst auf dieser Seite des englischen Kanals bleiben und uns wegen der ruppigen Bedingungen auf der Nordsee über die Kanäle auf den Weg nach Vlissigen machen. Von dort aus soll es dann an der belgischen Küste entlang nach Frankreich weitergehen.
Wir starten früh und legen ab, als es gerade hell genug ist. Es geht durch den Spui, einen kleinen Kanal, und von dort aus über die Kanäle Oude Maas und Dordtsche Kil in den Zuid Hollandsch Diep. Während wir im Spui gegen bis zu drei Knoten Strom anmotort sind, haben wir ab dem Abzweig in die Oude Maas die Strömung mit uns – eben so, wie wir es von uns ausgerechnet und mit einem Start bei Tageslicht möglich war.

Und so sind wir schon kurz nach Mittag im Stadthafen von Willemstad. Auch wenn wir an diesem ersten Tag unserer Reise nur mit Motor unterwegs waren – wir sind glücklich, unterwegs zu sein und so einen schönen ersten Tag auf unserer St‘ Raphaël verbracht zu haben. Nachmittags machen wir uns zu einem ausführlichen Rundgang auf in die alte, gut erhaltene Festungsstadt, besuchen die Ausstellung im Mauritshuis und kaufen noch dies und das beim überraschen gut sortierten Bootsausrüster in Willemstad.

Am nächsten Tag geht es von Willemstad nach Wemeldinge. Die Volkeraksluizen passieren wir aufgrund unserer Masthöhe in der südlichen Schleusenkammer zusammen mit der Berufsschifffahrt. Und da die großen Schiffe zwar lang, aber nicht hoch sind, wird die Autobahn-Klappbrücke nur für uns geöffnet. Dass wir den Autobahnverkehr dadurch zum Stillstand bringen, amüsiert uns und kommt uns vor wie eine neue Version der „Autobahnkleber“ der Klimaaktivisten „Letzte Generation“. An der Dieseltankstelle in Dintelmond tanken wir voll – da wir keinen Tankanzeige haben, wissen wir jetzt endlich, wieviel Diesel wir eigentlich haben. Und nach der Krammersluizen steht der Wind so, dass wir auch in den Fahrwassern unter Segel unterwegs sein können, erstmals seit unserem Start in Hellevoitsluis.

Von Wemeldinge starten wir um acht Uhr morgens – so, dass wir die Hafengebühr zahlen können und gerade noch früh genug sind, um in der Westerschelde das ablaufende Wasser bis Vlissingen mit uns zu haben. Der Morgen ist sonnig, aber kalt, im Boot sind es morgens gerade mal 12°C. Die zwei Klappbrücken auf dem Kanal Zuid-Beveland passieren ohne allzu lange Wartezeit, dann kommt noch eine Schleuse, und wir haben erstmals mit unserem Boot das Salzwasser erreicht. Auf der Westerschelde ist viel Schiffsverkehr, und hier sind es richtig große Pötte, die an uns vorbei ziehen.

Am Südufer sehen wir die Chemieanlagen von Dow Chemicals, und es kommt uns vor, als würden sich hier unser alter und unser neuer Lebensabschnitt freundlich grüßen – und es fühlt sich sehr gut und richtig an!

Nachmittags machen wir in Vlissingen im neuen Stadhaven Scheldekwatier fest. Der Check-In ist nur digital möglich. Das überfordert offenbar den älteren Hafenmeister und führt letztlich dazu, dass er uns zur Umgehung des Systems als zwölf Meter langes Schiff einbuchen lässt. Uns soll diese Einsparung bei der Liegegebühr recht sein, zumal wegen angekündigtem stürmischen Wetter erstmal ein Hafentag angesagt ist. Dies war unser erster echter Segeltag mit der St. Raphael. Es ist der 27. April, Koningsdag in den Niederlanden. Und so endet der Tag mit einem Rundgang durch Vlissingen mit fröhlich feiernden Niederländern.

Unsere Reise hat nun wirklich begonnen, wir sind losgesegelt. Wir haben, seit wir an Bord sind, viele Kleinigkeiten dazu gelernt und fast jeden Tag etwas zum ersten Mal gemacht. Und uns wird klar, dass unterwegs sein mit dem eigenen Boot einem anderen Rhythmus folgt als ein Wochen- oder Zweiwochen-Törn auf einem gecharterten Boot: Das Tempo bestimmen Wetter, Tide und das Boot (bzw. erforderliche Arbeiten am Boot). Wir fangen gerade an, uns daran zu gewöhnen.