Mühsame Pfade im Dschungel

Am frühen Nachmittag des 28. Januar starten wir von Barbados nach Guadeloupe. Vor uns liegt eine Etappe von 260 Seemeilen, die wir in knapp zwei Tagen zurücklegen wollen. Wir haben uns entschieden, nicht auf direkter Strecke im Osten des karibischen Inselbogens zu segeln, denn nach dem Starkwind der letzten Wochen ist uns hier der Seegang zu unangenehm. Statt dessen führt unsere Route zuerst in westlicher Richtung durch die Passage zwischen St. Vincent und St. Lucia ins Karibische Meer, so dass wir dann auf der vor Wind und Schwell geschützten Westseite der Inseln St. Lucia, Martinique und Dominica nach Norden segeln können.

Nach zwei Nächten und einem Tag auf See kommen wir am Vormittag des 30. Januar an unserem Ziel Point-à-Pitre an. Wir brauchen mehrere Anläufe, um in dem großen, dicht belegten Ankerfeld eine geeignete Lücke zu finden, an der unser Anker hält. Dann liegen wir sicher und geschützt in der Nähe des modernen Museums für Sklaverei, etwa gleich weit entfernt vom Dinghy-Steg in der Marina und dem am Restaurant Le Yacht Club im Stadtzentrum.

Mit dem Dinghy fahren wir nachmittags zum Büro der Marina, um dort einzuklarieren. In diesem Fall bedeutet das lediglich, dass der Ausdruck des elektronisch beantragten und zugestellten Einklarierungsdokuments dort ausgedruckt und abgestempelt wird. 

Die Marina ist eines der großen Yachtsportzentren in der Karibik. Am Hafenbecken reihen sich die Läden der Bootsausrüster aneinander, und wir fühlen uns nach dem spärlichen Angebot der letzten Monate dort wie im Einkaufsparadies für Yachties: Hier gibt es praktisch alles, und das zu Preisen, die oft nur leicht über dem europäischen Niveau liegen.

Es ist schon seltsam: Wir sind hier mitten in der Karibik und doch in Frankreich. Als Überseedepartement gehört Guadeloupe zur Europäischen Union. Man spricht Französisch und zahlt in Euro. Wir freuen uns an beidem: Der tropischen Umgebung mit seinem angenehm warmen Wetter und dem Genuss eines Frühstücks mit frischen Croissants, Baguette und französischem Käse.

Guadeloupe ist ein Archipel, das aus den beiden Hauptinseln Basse Terre und Grand Terre sowie einigen kleineren Inseln besteht. Bei der Namensgebung der Hauptinseln scheint man sich eine Scherz erlaubt zu haben: Grand Terre ist die kleinere der beiden Inseln, hügelig und aus verwittertem Kalkstein, während Basse Terre von einer hohen, vulkanischen Bergkette geprägt wird. 

Die beiden Hauptinseln liegen direkt nebeneinander wie die Flügel eines Schmetterlings und sind nur durch einen von Mangroven gesäumten Salzwasserfluss getrennt, dem Rivière Salée. Point-à-Pitre liegt in einer großen Bucht am Rivière Salée, ist die größte Stadt auf Gaudeloupe, Anlaufhafen vieler Kreuzfahrtschiffe und hat den größten Containerhafen der Karibik. Unser Ankerplatz ist daher zwar strategisch günstig gelegen, um die Hauptinseln zu erkunden und einzukaufen, doch sehr idyllisch ist er nicht, und es herrscht reger Schiffsverkehr in der Nähe. Wir machen uns mehrfach einen Spaß daraus, einem abends unter feierlicher Musik auslaufenden Kreuzfahrtschiff von unserem Cockpit aus mit Handy-Taschenlampe zu winken und zu beobachten, wie auch dort an Bord mehr und mehr geschwenkte Lichtpunkte sichtbar werden.

In den ersten Tagen nach unserer Ankunft erkunden wir die Umgebung. Die Temperaturen sind hier merklich kühler als auf Barbados und sehr angenehm. Immer wieder gibt es Regenschauer, was uns jedoch nicht sehr stört, denn kurze Zeit später ist wieder alles trocken.

Die Innenstadt von Point-à-Pitre erscheint uns etwas heruntergekommen und wenig sehenswert zu sein. Immerhin gibt es viele kleine Läden, einen Gemüse- und Gewürzmarkt sowie einen seltsamen Stilmix mit typisch karibischen Wandmalereien und typisch französischen Hochhäusern und Toilettenhäuschen.

Auch dem Museum für die Geschichte der Sklaverei statten wir einen Besuch ab. Es ist das größte seiner Art und in einem modernen, einer riesigen Flechtkonstruktion ähnlichen Bau, untergebracht. Ein Audioguide, der automatisch von einem Beitrag zum nächsten wechselt, führt einen durch die Ausstellung. Sie ist sehr interessant und gibt einen umfassenden Blick auf die Sklaverei, auch über die Geschichte der karibischen Inseln hinaus, deren Kultur, Selbstverständnis und Gegenwart sie bis heute prägt.

Um die Inseln zu erkunden, mieten wir uns für vier Tage ein Auto. Auf Grand Terre gibt es einen großen Nationalpark mit tropischem Regenwald, in dem wir ein paar Wanderungen unternehmen wollen. Als erste Tour habe ich einen Rundweg ausgesucht, der am Informationszentrum Maison du Forêt startet. Schon die Straße dorthin führt durch üppig grünen Regenwald und macht meine Vorfreude umso größer. In der kleinen Ausstellung des Maison du Forêt halten wir uns nicht lange auf, schließlich wollen wir wandern gehen. Tatsächlich führt der Weg durch einen grandiosen dichten Dschungel, in dem es die unterschiedlichsten Gewächse offenbar nur darauf abgesehen haben, möglichst hoch hinauf ans Licht zu kommen. Sie wachsen dicht neben-, auf- und übereinander. An den Bäumen klettern unzählige Schlingpflanzen empor, Schmarotzerpflanzen sitzen auf Ästen, Moose und Flechten bedecken die Rinde der Stämme. Auf dem Boden wachsen Farne verschiedener Größen und andere Pflanzen, die sich mit weniger Licht zufrieden geben. 

Allerdings wird unsere Begeisterung stark gedämpft durch den Zustand des Wanderwegs. Er scheint nur aus Wurzeln, Steinen und Matsch zu bestehen, was das Gehen unglaublich erschwert. Unser Blick ist ständig nach unten gerichtet, und um den Wald um uns herum anzuschauen, müssen wir stehen bleiben, sonst würden wir stolpern und fallen. Das erste Stück unserer Wanderung führt nahe der viel befahrenen Straße entlang, und nachdem wir endlich die Straße verlassen haben und in die Stille des Waldes eingedrungen sind, müssen wir nach mühsamer Durchquerung eines kleinen Flusses einsehen, dass wir den ganzen Rundweg unmöglich noch vor Einbruch der Dunkelheit zurücklegen können. Frustriert kehren wir um, kämpfen uns auf gleichem Weg wieder zurück und schaffen es gerade noch rechtzeitig ans Auto, bevor es am Boden des Waldes unangenehm dunkel wird.

Am nächsten Tag versuchen wir wieder unser Glück, diesmal mit einer kleinen Rundtour, die von der Nationalparkbehörde als „leicht“ eingestuft wird und von Sofaïa aus zu einem Wasserfall führt. Auch hier führt der Weg durch wunderbaren tropischen Wald, doch auch hier ist er matschig und schwer zu gehen. Am Wasserfall kehren wir vorzeitig um und nutzen die am Parkplatz gelegenen Duschen mit warmem, schwefelhaltigen Wasser, um unsere Beine, Schuhe und Socken wieder einigermaßen vom Matsch zu befreien. 

Erst bei unserer dritten Tour in den Regenwald können wir ihn wirklich genießen und auf uns wirken lassen. Wir besuchen die Chutes du Carbet, eine der Hauptattraktionen der Insel. Hier geht es auf gepflastertem Weg durch den Wald zur zweiten von drei imposanten Stufen eines Wasserfalls. Dass es die letzten Tage viel geregnet hat und auch während unseres Besuchs regnet, stört uns hier nicht sehr und verleiht dem beeindruckenden Wald eine authentische Stimmung.

Unsere Fahrten über die Hauptinsel nutzen wir auch für Besuche an wunderbaren Stränden, an denen französische Sommerurlaubsstimmung bei tropischem Flair herrscht, zu einem Spaziergang durch den Mangrovenwald und für eine Fahrt an die raue, felsige Nordostküste von Grand Terre.

Auch hier in Guadeloupe knüpfen wir Kontakte mit anderen Langfahrtseglern. Einem deutschen Pärchen begegnen wir zufällig auf dem Gewürzmarkt, bei einem anderen, das in unserem Ankerfeld liegt, fahren wir mit dem Dinghy vorbei und sprechen sie an. Man ist sofort am plaudern, fragt nach dem Woher und Wohin, tauscht Reiseinformationen, Erfahrungen und Abenteuer aus. Wir verbringen zwei schöne Abende miteinander bevor sich unsere Wege wieder trennen.

Und dann treffen wir auch Segelfreunde wieder, die wir auf Madeira kennengelernt haben. Auch mit ihnen verbringen wir einen wunderbaren Abend, berichten uns gegenseitig die Erlebnisse unserer Reise hierher und stellen zufrieden fest, dass keiner von uns sein früheres Arbeitsleben vermisst.

Als wir eigentlich weiterziehen und uns auf den Weg zur nächsten Insel machen wollen, herrscht wieder eine Starkwindphase, bei der wir uns ungeschütztere Ankerplätze und die Durchfahrten zwischen den Inseln nicht antun wollen. Also bleiben wir noch, warten ab und beschäftigen uns mit kleinen Arbeiten am Boot.

Als wir einmal gerade beide im Boot sind, hören wir jemand zu uns fahren. Marc geht nach draußen, um zu schauen, was los ist, und sofort fällt ihm mit Schrecken auf, dass unser Dinghy fehlt. Wir hatten es gerade noch genutzt und, da wir heute nochmal damit losfahren wollten, nur mit seiner Vorleine an unserem Heck befestigt. Nun ist es weg. Zu uns gefahren kommt gerade eine Französin von dem Boot, das hinter uns vor Anker liegt. Schnell wird klar, dass sie bemerkt hat, wie unser Dinghy an ihrem Boot vorbei in Richtung der riesigen Bucht trieb, und es geistesgegenwärtig mit ihrem eigenen Beiboot eingefangen hat. Auf unseren Schreck folgt riesige Erleichterung. So ein Glück! Ohne unsere aufmerksame Nachbarin wäre unser Dinghy verloren gewesen. Wir bedanken uns vielmals, so gut unsere Sprachkenntnisse es hergeben und bringen am nächsten Tag noch eine Flasche Champagner vorbei. Von nun an machen wir unser Beiboot, wenn wir es nicht gleich an den Davits hochziehen, immer doppelt am Boot fest. 

Mit dem Dinghy unternehmen wir an einem der folgenden Tage einen Ausflug entlang des Rivière Salée zu den ausgedehnten Mangrovenwäldern. Als wir vom erstaunlich viel befahrene Fahrwasser in einen Seitenarm einbiegen, kommen wir in einen ganz von Mangroven umgebenen kleinen See. Es ist eine ganz eigene Welt, für uns ebenso undurchdringlich und fremdartig wie der Regenwald.

Es ist die Zeit des Karnevals. Wir erkundigen uns nach den Terminen für Karnevalsevents in Point-à-Pitre und fahren Abends mit dem Dinghy in die Stadt, um uns einen Umzug anzuschauen. Entlang der Hauptstraße sitzen Einheimische auf mitgebrachten Hockern und warten auf die Gruppen, an kleinen Ständen gibt es Snacks und Getränke. Wir probieren einen hausgemachten Rumpunsch und sind froh, jeweils nur einen kleinen Becher genommen zu haben: Er ist sehr stark, intensiv und scharf gewürzt mit Nelken, Muskat und anderem. Was für ein Unterschied zu den fruchtigen, süffigen Rumpunschkreationen auf Barbados.

Die Karnevalsgruppen ziehen laut trommelnd, rasselnd und auf Muscheln blasend an uns vorbei, meist angeführt von mit langen Peitschen knallenden Männern. Die Kostüme sind überwiegend in afrikanischem Stil, oft mit weiß geschminkten Gesichtern, was etwas unheimlich wirkt. Die Atmosphäre erinnert uns an die Umzüge der alemannischen Fasnacht mit ihren Rasseln, Hexen- und Geistergewändern.

Ein Ausflug mit dem Bus führt uns in die Nähe von Saint Anne, einem Urlaubsort auf Grand Terre. Ich habe eine Wanderung ausfindig gemacht, die entlang eines grünen Tals zu dem Örtchen an der Küste führen soll. Die ursprüngliche Routenplanung geben wir zwar bald auf, da der Weg im Tal kaum vorhanden ist und wir über feuchten Grund durch hohes Gras waten müssen. Doch auch mit der Alternativroute über ruhige Nebenstraßen wird es eine schöne Wanderung durch das ländliche Grand Terre.

In Saint Anne angekommen machen wir Mittagspause in einem kleinen Restaurant, schauen uns das Treiben am Strand an und lassen uns das vermutlich weltbeste Kokossorbet schmecken.

Durch das Abwarten der Starkwindphase verbringen wir insgesamt fast zweieinhalb Wochen im Ankerfeld bei Point-à-Pitre, viel länger, als wir eigentlich vorhatten. Nun drängt die Zeit, denn in weniger als einer Woche wollen wir in Martinique sein, um lieben Besuch an Bord zu empfangen. Am 17. Februar hat es soweit abgeflaut, dass wir endlich unseren Anker lichten, um zur Insel Marie-Galante aufzubrechen.