Am 23. Februar holen wir meinen Bruder Wolfram und seine Frau Tanja am Flughafen von Martinique ab. „Wir sehen uns in der Karibik“, so haben wir uns vor mehr als fünf Monaten in Deutschland voneinander verabschiedet, bevor Marc und ich wieder zu unserem Boot nach Teneriffa geflogen sind. Das klang damals für uns alle etwas unwirklich, wie ein weit entfernter, schöner Traum. Und nun ist es tatsächlich soweit.
Unsere beiden Gäste haben für sich selbst nur Handgepäck dabei, für uns aber eine große Tasche voll mit Ausrüstungsteilen. Darunter ist auch die noch kurzfristig bestellte Schraube mit dem Zollgewinde, die wir für die Reparatur unserer Ankerwinsch brauchen (siehe Von Boje zu Boje). Le Marin auf Martinique, wo unser Boot liegt, ist das größte Sportbootzentrum der Karibik mit tausenden Yachten in einer großen Marina und nahe gelegenen Ankerfeldern, vielen Ausrüstungsläden und mehreren Werften. Hier bekommt man zwar praktisch die gesamte Bandbreite an Bootausrüstung. Allerdings sind die Preise – auch unter Berücksichtigung der Kosten für das Fluggepäck – höher, und gerade bei sehr speziellen Ersatzteilen schien uns die Beschaffung in der Heimat sicherer.

Wir bleiben zwei Nächte in der Marina, damit sich unsere Gäste ein wenig an Bord und im karibischen Flair eingewöhnen und wir ein paar Arbeiten am Boot erledigen können. Gemeinsam besuchen wir eine Rum-Destillerie, kaufen Verpflegung für die Woche ein und feiern abends in einer schönen Kneipe am Hafen bei Rumcocktails unser Wiedersehen.
Unser nächstes Ziel ist die Ankerbucht vor dem Örtchen Saint-Anne. Sie liegt nur wenige Meilen entfernt, doch wir verbinden die Tour dorthin mit einer kleinen Segelrunde. Kaum liegen wir vor Anker, streckt in der Nähe auch schon die erste große Schildkröte ihren Kopf aus dem klaren, türkisblauen Wasser. Wir hüpfen vom Boot ins Wasser und genießen den Rest des Tages in der wunderbaren Ankerbucht.

Am nächsten Morgen gibt es einen ersten Dinghy-Ausflug zum Bäcker im Ort, und nach dem Frühstück mit frischen Croissants und Baguette fahren wir alle gemeinsam am Land.
Saint-Anne ist ein hübsches, verschlafenes Dörfchen. Wir drehen eine Runde durch den Ort und entlang der Bucht, über wunderbare Strände und durch exotischen Wald, bevor wir unseren Ankerplatz für die Nacht in die noch deutlich ruhigere Bucht kurz vor Le Marin verlegen.

Am nächsten Tag steht eine ordentliche Segeletappe an. Von Le Marin geht es bei Sonne und wunderbarem Segelwind vorbei am Roche du Diamant nach Norden, in die Marina Point du Bout.

In der kleinen, sehr geschützt gelegenen Marina haben wir einen Platz reserviert. Doch bevor wir dort anlegen, machen wir noch einen kurzen Ankerstopp vor dem benachbarten Strand, warten einen Regenschauer mit anschließendem Regenbogen ab und genießen nach dem heißen Tag ein Bad von Bord.

Am Steg erwartet uns eine Hafenmitarbeiterin und reicht uns die Mooringleine. Als wir die Leine an unserer Steuerbordseite entlang nach hinten führen wollen, stellt sich heraus, dass sie diagonal unter dem Liegeplatz verläuft. Und dann ist es auch schon passiert: Die Leine verfängt sich in unserem laufenden Propeller und hängt fest, das Auskuppeln kommt zu spät. Da es inzwischen dunkel wird, machen wir die St‘ Raphaël provisorisch am benachbarten Ausflugskatamaran fest und hoffen, dass die Leine sich am nächsten Tag entfernen lässt und keinen weiteren Schaden verursacht hat.
Am nächsten Morgen starten unsere Besucher zu einem Ausflug nach Fort-de-France, während sich Marc zum Tauchen bereit macht. Wir haben extra für Arbeiten am Unterwasserschiff eine spezielle, schwimmende Pumpe, die einen zum Tauchen in geringen Tiefen über einen Schlauch mit Luft versorgt. Zwei Stunden lang ist Marc damit im Wasser, schneidet mühsam die Leine von der Propellerwelle und zieht die eingezogenen Fasern aus der Rumpfdurchführung. Dann ist es geschafft. Erleichtert stellen wir nach einem Probelauf fest, dass offenbar alles einwandfrei funktioniert, die Wellendurchführung dicht ist und sich auch die durch die Leine etwas nach hinten gezogene Welle wieder in die ursprünglichen Position zurückbewegt hat.
Während Marc und ich am Vormittag auf und unter dem Boot beschäftigt sind, haben wir Besuch von einem Früchtedieb: Ein kleiner Vogel fliegt ins Boot und pickt an unseren Bananen herum. Ich erwische ihn in Flagranti, doch er entkommt mühelos, während ich noch verdutzt auf das Obstnetz schaue. Erst als er sich später nochmal in unsere Pantry wagt, kann ich den kleinen Räuber identifizieren.


Als Tanja und Wolfram von ihrem Ausflug zurück kommen, bringen sie auch schon neues Obst mit: Tanja hat auf dem Markt eine Auswahl unbekannter tropischer Früchte erstanden, die wir nun gemeinsam probieren. Manche erweisen sich als lecker („Hmm, fast wie Mango“), manche nicht („Schmeckt nach süßem Käseschleim“), und bei manchen stellen wir die Genießbarkeit grundsätzlich in Frage („Die sondert einen klebrigen Saft ab und schmeckt nach nichts. Ist das wirklich Obst?“).

Mit der Marina Point du Bout als Basis verbringen wir gemeinsam entspannte Urlaubstage. Wir baden und schnorcheln an den von bunten Fischen wimmelnden Steinwällen vor dem Strand von Point du Bout, bummeln durch den Ferienort, machen einen Ausflug zum verfallenen Fort auf der Landspitze, entspannen beim Lotterleben an Bord und lassen es uns am Abend eines besonderen Tages in einem Restaurant bei herrlichem Blick in die Bucht gut gehen. Auch für Marc und mich fühlen sich diese Tage wie Urlaub an, und wir alle genießen sie sehr.

Inzwischen nähert sich die Karnevalszeit ihrem Ende und damit auch ihrem Höhepunkt. Den großen Umzug in der Hauptstadt Fort-de-France wollen wir uns ansehen und fahren mit der Fähre dorthin, die schon voller bunt verkleideter Passagiere ist. Marc und ich haben zwar schon auf Guadeloupe einen Karnevalsumzug besucht (siehe Mühsame Pfade im Dschungel), doch der hier auf Martinique hat einen ganz anderen Charakter. Es ist ein fröhliches, buntes Fest, wie die karibische Version einer Mischung aus Loveparade und Kölner Karneval.












Für die letzten beiden gemeinsamen Tage haben wir wieder ein Auto gemietet. Entlang der Küste führt ein Ausflug nach Saint-Pierre, dem Örtchen, das vom Bojenfeld aus so hübsch erschien (siehe Von Boje zu Boje). Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Saint-Pierre die Hauptstadt von Martinique, doch dann wurde die Stadt bei einem Vulkanausbruch des Mont Peleé zerstört. Diese Katastrophe kostete 30.000 Menschen das Leben und war der opferreichste Vulkanausbruch des Jahrhunderts.
Wir haben gelesen, dass dies der schönste Ort der Insel sein soll, doch dort angekommen sind wir enttäuscht. Es gibt ein paar stilvolle Gebäude entlang des Ufers, eine kleine Anzahl Markstände mit Obst und Gemüse sowie eine große weiße Kirche, die jedoch verschlossen ist. Ansonsten stehen in den engen, vom Autoverkehr beherrschten Strassen der Stadt eine Menge heruntergekommene oder verfallener Häuser. Dass manche offenbar noch Ruinen des Vulkanausbruchs sind, unterstreicht zwar die tragische Historie des Ortes, macht ihn aber nicht gerade schöner. Man sieht, dass er sich nie ganz von der Katastrophe erholt hat.

Das unerwartete Highlight des Tages ist der parkähnliche Garten Le Domaine de l’Emeraude, der im Gebirge östlich von Saint-Pierre liegt. Hier machen wir nach der Hitze an der Küste ein Picknick im Grünen, beobachten Kolibris und können auf befestigten Wegen durch üppigen tropischen Regenwald spazieren.

Leider neigt sich nach etwas über einer Woche der Besuch von Tanja und Wolfram nun dem Ende entgegen. Wir alle haben die gemeinsame Zeit auf dem Boot sehr genossen, viel unternommen und zusammen eine tolle Zeit verbracht. In der Karibiksaison nächstes Jahr wollen wir das Bootsleben zu viert gerne wiederholen, so schön war es. Nun geht es für beiden wieder zurück in die Heimat.
